freigehaltener Raum

Ein Interview von 1970

 

Mitschrift und Übersetzung: Eszter Mózes

 

Wir berichten aus demstaatlichen Institut für Methodik der Säuglingsbetreuung auf dem Rosenhügel, wo wir uns mit Emmi Pikler, der Direktorin des Institutes und Doktorin der Medizin, unterhalten. Selbstverständlich könnten wir uns über viele Themen unterhalten, konzentrieren uns aber auf eine einzige Frage, sehr geehrte Frau Doktor: Ist es möglich, bereits im Säuglingsheim die Säuglinge und Kleinstkinder so zu erziehen, dass sie sich verantwortlich verhalten, sich selbst, den anderen anwesenden Kindern und der Gesellschaft gegenüber?

 

Das ist nicht nur möglich, es ist sogar notwendig. Das Kind macht ab seiner Geburt Erfahrungen. Je mehr es die Möglichkeit hat, Erfahrungen zu sammeln, desto mehr kann ßes handeln. Je mehr es die Konsequenzen seines Handelns abschätzen kann, desto eher kann es Projekte in Angriff nehmen, merken zu was es fähig ist und herausfinden, ob das, was es erwartet hat, auch eintrifft. Das ist der Beginn seines Gefühls für Verantwortung. Das ganz kleine Kind, sobald es seine Hand entdeckt, siehtsie, verliert sie wieder aus den Augen, findetsie wieder. Manchmal wird es wütend und beginnt zu weinen. Es muss sie auf zufällige Weise wiederfinden um sie nach einiger Zeit selber leicht wiederzufinden. Wenn es die Hand nach einem Spielzeug ausstreckt und es nicht erreichen kann; wenn es versucht sich zu drehen und wieder zurückfällt, es wieder versucht, wieder zurückfällt; wenn es auf etwas klettert und wieder runtersteigt, dann sammelt es fortgesetzt Erfahrungen, wenn es dazu die Möglichkeit hat. Wenn wir ihm erlauben, sich zu bewegen, auszuprobieren und sich für das zu interessieren, für das es sich gerade interessiert, dann erschliesstdas Kind sich die Umwelt selber und lernt über diese Aktivitäten. Das kleine Kind lernt nicht nur zu handeln, sich zu bewegen, sondern auch verantwortlich zu handeln: Es ergreift die Initiative,es führt die Bewegung auf freiwillige Art ausund wenn dies nicht gelingt, dann versucht es das Kind das nächste Mal selber wieder oder auch nicht. Das ist das Fundament seiner Fähigkeit auf verantwortliche Art zu handeln, die es ihm später erlaubt auch komplexere Situationen anzugehen.


Das ist aber nur ein Teil der Frage. Der andere Teil ist die Beziehung zum Erwachsenen. Wenn wir den Säuglingüberhauptals ein aktives Wesenansehen, fähig zu handeln, und wenn der Erwachsene sobald er mit dem Kind zusammen ist, es auch so behandelt, definiert diese Einstellung die Beziehung zwischen beiden. Wir betrachten das Kind von Geburt an als einen aktiven Partner. Folglich erwarten wir nicht von ihm, dass es immer das tut, was wir von ihm erwarten, sondern schenken ihm die spezielle Aufmerksamkeit fürdas, was es selber tun möchte.Wir versuchen, die Aufgabe mit ihm zu lösen, sei es sich anzuziehen oder zu baden. Wir fragen es – immer im Rahmen der Möglichkeiten – auf was es Lust hat. Folglich, wenn wir mit dem Kind von früh an zusammenarbeiten, erziehen wir es dazu, auf autonome Weise zusammenzuarbeiten; wir haben eine gute Beziehung zu ihm, wir erwarten von ihm keine Dinge, die es noch gar nicht machen kann.... das ist eine sehr wichtige Vorstellung, denn häufig pflegt man zu sagen, das Kind müsse so früh wie möglichlernen zu gehorchen und das zu machen, was der Erwachsene von ihm will. Man betont die Disziplin, denn man hat die Vorstellung, dass ein sehr disziplinierter Mensch auch ein verantwortlicher Mensch ist.Aber sich vom Stärkeren leiten zu lassen ist kein Synonym für Disziplin. Disziplin will nicht heissen, dass man ein Kind daran hindern kann etwas zu tun, weil es Angst vor Strafe hat oder sich bedroht fühlt. Es sind dann nicht die Konsequenzen seines Handelns, die ihn davon abhalten etwas zu tun. In dem Fall sagte es sich nur: Wenn ich das mache, werde ich bestraft. Das kann keine Grundlage für sein späteres verantwortliches Verhalten sein.

 

Gestatten Sie mir, liebe Frau Doktor, Sie hier zu unterbrechen – wir könnten sicher noch weiter über diesen Punkt sprechen. Aus allem was sie gesagt haben, zeigt sich die Verantwortung der Erwachsenen,die als ErzieherInnen, als Eltern an der Seite des Säuglings sind.Sieleiten ein Methodologisches Zentrum, das eine Praxis verfolgt, die – so kann ich mir vorstellen – ziemlich spezialisiert und eng gefasst ist. Ausserhalb des Institutes gibt es in ganz Ungarn Familien und andere Institutionen. In welcher Beziehung stehen Sie zu ihnen? Wie können wir von dem Positiven, dass aus Ihre Arbeit im Institut resultiert, von all dem Wissen, das sie angesammelt haben, profitieren? Wie ist Ihre Beziehung zum Alltag?

 

Wir gehen von der Familie aus. Wir haben unser Beobachtungen in der Familie begonnen.
Ichselber als Familien-Kinderärztin habe die Entwicklung der Kinder beobachtet und die Mütter darin unterstützt, ihren Kindern Möglichkeiten anzubieten, die Kinder so zu behandeln und leben zu lassen, dass sie sich entwickeln konnten, einerseits in die Richtung, die sich die Eltern wünschten, andererseits aber auch so, dass nicht der Eindruck entstand, es werde Druck auf sie ausgeübt und sie würden gezwungen Dinge zu tun, die andere wünschen. Im Säuglingsheim wird diese Frage noch wichtiger. Eine Mutter, gerade weil sie eine Mutter ist, hat leichter die Tendenz, die Dinge lockerer zu sehen. Wie immer auch ihre Prinzipien sind, wenn sie ihr Baby wirklich liebt, wenn sie es versorgt, ist die Mutter doch zufrieden,wenn das Kind etwas Neues erfindet. Im Heim ist es wichtig, dass die Fachkräfte zufrieden sind, wenn sich das Kind gut entwickelt, sich an die Umgebung gut anpasst, aber auch eigenständige Ideen entwickelt und autonom handelt. Darin liegt unsere Aufgabe.