freigehaltener Raum

Der 18 Juni 2014 war ein ganz besonderer Tag für das Haus Lóczy. Eine fröhliche Aufgeregtheitherrschte, denn es galt ein ausserordentliches Ereignis zu feiern: die Vergabe des ersten Pikler-Preises.

 

Etwa dreissig Personen hatten sich dazu eingefunden. Unter den Geladenen waren ehemalige Betreuerinnen von Lóczy,heutige Mitarbeiterinnen der Krippe, Mitglieder der ungarischen Pikler-Vereinigung und Freunde aus dem Ausland. Auch Journalisten waren anwesend. Alle zusammen waren sie gekommen, um der Preisübergabe an Geneviève Appell beizuwohnen. Die Ankunft von Geneviève Appell wurde vom Kammerorchester Ferenc Erkel begleitet, das zu ihrer Ehre die von ihr geliebten Zigeunerweisen und Ungarischen Tänze von Brahms spielten.

 

In ihrer Ansprache erklärte Anna Tardos, dass die Idee eines Prix Pikler-Preises schon lange „keimte“. Endlich wahr wurde sie dieses Jahr. Es war klar, dass die erste Preisträgerin Geneviève Appell sein müsste. Anna Tardos überreichte ihr den Preis mit einer eindrücklichen Würdigung (von der wir das Wichtigste hier wiedergeben).

 

„Als wir nach einstimmigem Beschluss freudig begonnen hatten, mit dem schon seit langer Zeit geplanten Emmi Pikler-Preis loszulegen und auch wussten, dass die erste Preisträgerin Geneviève Appell sein würde, dachten wir nicht, dass die Begründung in diesem Fall

 

so umfangreich sein würde.Ihre Arbeiten erstecken sich über Jahrzehnte und umfassen mehr als nur die Begegnung mit den Ideen von Emmi Pikler. Als sie Dr. Judit Falk traf – ihre erste Begegnung mit dem piklerschen Ansatz - war sie schon eine anerkannte Psychologin mit breitem und internationalen Fachblick, mit Bekanntschaften und Verbindungen zu bemerkenswerten Fachleuten. Zusammen mit der Kinder-Psychiaterin Myriam David, trug sie mit ihrer noch heute anerkannten Forschung zum besseren Verständnis der Entwicklung der Säuglinge und Kleinkinder bei. Vordergrund standen die verschiedenen Schemata der Interaktion zwischen Mutter und Kind. Sie haben sich beide auch sehr für die Verbesserung der Lebensumstände und damit der Schicksale der Kleinsten im Säuglingsheim Amiot eingesetzt.



Was wollen wir mir diesem Preis anerkennen?

 

Mit diesem Preis möchten wir unsere Anerkennung und unseren Dank für mehrere bedeutende Dinge ausdrücken. Einmal für das, was Geneviève in Sucy en Brie für die Kinder im Säuglingsheim geleistet hat. Sie verbesserte ihr Leben indem sie Theorie und Praxis von Emmi Pikler einsetzte und alles dafür tat, dass es allen Kindern in den zahlreichen Säuglingsheimen in Frankreich besser ging. Wir würdigen auch all das, was sie für die Fachkräfte im Frühbereich, Pädiater und Psychologen, gemacht hat. Für die an der frühen Kindheit interessierten Fachkreise, die sie sowohl durch Zusammenarbeit wie auch durch die Lehre stark beeinflusst hat. Letztere verdanken ihr und Myriam David, dass sie zu den hochqualifizierten Fachleuten „ihrer Zunft“ werden konnten. Inzwischen sind diejenigen in Frankreich sehr zahlreich, die die ungewöhnlichen Ideen von Emmi Pikler kennen lernen und (indem sie sich reingekniet haben) umsetzen konnten. Sie tragen sie weiter, damit die, die sich interessieren, die piklerschen Pflege kennen lernen.

 

Wir möchten ihr auch für die Konferenzen und Artikel danken, in denen sich Interessierte bis heute informieren können.

 

Prix Pikler photo 2 2


Ganz besonders danken wir auch für das Buch
”Le maternage insolite” (auf deutsch: Lóczy. Mütterliche Betreuung ohne Mutter. München 1995), das sie zusammen mit Myriam David schrieb und das in viele Sprachen übersetzt wurde. Und das – rückblickend – sich in vielen Ländern als einer der ersten Zugänge der Fachwelt im Frühbereich zu den Ideen Emmi Piklers erwies. Aus dem Weg ist inzwischen ein Netz geworden.

 

Ich habe viele Dinge erwähnt und aufgezählt – ohne vollständig zu sein.

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Wie viel Unterstützung hat sie uns gegeben in unserer grossen Sorge! Unter anderem in der AssociationPikler-Loczy in Frankreich, die sie schon vor 30 Jahre gemeinsam mit Ágnes Szántó gegründet hat und deren Ehrenmitglied sie heute ist. Die ursprüngliche Motivation der Gründung war seinerzeit die Erhaltung der Einrichtung an der Loczy-Strasse, die von der endgültigen Schliessung bedroht war. Von Beginn an ergaben sich zahlreiche Formen der Zusammenarbeit zwischen der Vereinigung und uns: die Organisation internationaler Konferenzen, gemeinsame Ausbildungen, gemeinsame Reflexionen in Arbeitsgruppen, gemeinsame Realisation von Filmen, gemeinsame Veröffentlichungen. Inzwischen hat sich die Vereinigung zu einem bemerkenswerten Ausbildungszentrum für die Qualität der Arbeit in Kleinkindereinrichtungen in Frankreich entwickelt.

 

Wir alle, die wir das Glück hatten, mit ihr zusammenzuarbeiten, gemeinsam weiterzudenken, haben viel von ihr und von Myriam David gelernt. Jedes von ihr gehaltene Seminar ist mir in guter Erinnerung. Zum Beispiel erinnere ich mich an alles, was ich von ihr lernen durftean einem gemeinsam abgehaltenen zweitägigenBegleitseminar für Erzieherinnen. Und noch heute ist die Möglichkeit mit ihr zu diskutieren eine Bereicherung. Dass ich ihr nahe sein konnte oder ihre Gedanken, die Fragen, die sie stellte, die provozieren, die kreativ sind, teilen konnte. Gestatten sie mir hier einmal persönlich zu werden: für mich war es das grösste Geschenk, dass ich die Chance hatte sie kennen zu lernen, liebenswert, offen, ernsthaft und voller Menschlichkeit. Sie war und ist auch noch heute ein Vorbild für uns alle in ihrer Offenheit.

 

Beispielsweise als sie sich überwand Dr. Falk bei ihrem ersten Zusammentreffen nicht gleich aus dem Fenster zu werfen, weil die sie mit den seltsamsten Fragen bombardierte, nachdem sie ihr die bereits erreichten Resultate ihrer Arbeit in der Krippe vorstellte. Und, nach definitiv überwundenen Widerstand, ihre Einladung zu einer kleinen Reise hinter den eisernen Vorhang annahm. Später dann kam sie mit Myriam David auf eine intensive zweiwöchige Studienreise und diskutierte Tag für Tag mit Dr. Falk und Emmi Pikler ihre Beobachtungen im Alltag des Säuglingsheims an der Loczy Strasse. Die Diskussionen waren nicht leicht! Resultat der Reise war das erwähnte Buch und eine echte kreative und fruchtbare Zusammenarbeit mit einigen von uns.

 

Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wird mein Gefühl für ihre Menschlichkeit, ihre Bescheidenheit, ihren Optimismus, ihre grosse Kompetenz in die Zukunft zu blicken und neue und kreative Ideen zu entwickeln. Und ich bin nicht alleine mit diesem Eindruck.

 

Nicht zuletzt möchte ich anfügen: ihre Offenherzigkeit, ihre tiefe Ernsthaftigkeit und ihren steter Humor.

 

Danke für alles, das viel mehr ist als ich hier ausführen konnte: Wir danken ihr für all das!“

 

Andrea Szöke, Leiterin der Pikler Krippe in Budapest, sprach über den Alltag in der Einrichtung und was die kontinuierliche Reflexion über die Umsetzung der piklerschen Ideen für das Team bedeutet. Jutka Kelemen, Kinderpflegerin in der Krippe, sprach als Kuratoriums-Präsidentin der Loczy Stiftung für die Kinder und stellte die Arbeit zur Erhaltung der Krippe und für die Entwicklung zahlreicher Weiterbildungen für Fachkräfte vor.

 

Eszter Móses hob hervor, wie viel die aufmerksame Beobachtung und das Entgegenkommen von Geneviève stets dem Budapester Team eine Hilfe war „besser zu sehen“,ein klareres Bild von sich selber und der eignen Arbeit zu haben. Sie hob hervor, dass die Fragen Genevièves stets zur rechten Zeit kamen und so unklare Bereiche erhellten. Sie zeigte auf, in welch ausserordentlicher Art Geneviève fähig war, die nächste Generation vorwärts zu bringen ohne ihr den Weg vorzuspuren.

 

Monika Aly, RaymondeCaffari und AgnesSzantó wie auch weitere Gäste und Freunde gratulierten ihr zum Preis und bedankten sich.

 

Geneviève war von der Zeremonie sehr bewegt und vom Preis. In ihrer Ansprache drückte sie ihre Dankbarkeit aus und ihre Gefühle, in dem sie ihre Arbeit mit Emmi Pikler in Erinnerung rief. (Siehe Artikel „Begegnung mit Emmi Pikler und ihren Mitarbeiterinnen“).

 

Der Preis ist eine Statue aus Kalkstein, auf der ein Kind des Säuglingsheims abgebildet ist, das mit dem Schatten seiner Hand spielt (Foto von Marian Reismann, übertragen auf Kalkstein, nach einer Idee von Magdolna Vékás). Ein Album mit Fotos der Kinder, die sie vor 40 Jahren im Heim kennen gelernt und beobachtet hat, wurde ihr überreicht. Der erste Pikler-Preis wie auch das Album haben einen Ehrenplatz über dem Kamin im Haus von Geneviève gefunden: Sie kann so nun träumen und sich erinnern.

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